von Gisbert Schürig

 

In den letzten Wochen haben wir uns im Workshop Minimal Improvisation und während intensiver Proben beim Erkunden der Möglichkeiten der Minimal Improvisation auf einen sehr interessanten Übergang konzentriert:

Die Grenze zwischen Musik, die ohne klaren zeitlichen Bezugspunkt “frei fließt”, und Musik, die sich auf einen gleichbleibenden Puls, also “gerasterte Zeit” bezieht.

Ausgangspunkt unserer Erkundungen war die Absicht, diesen Übergang von fließender zu gerasterter Zeit zur genauen Inspektion sehr langsam und behutsam vonstatten gehen zu lassen, so dass die Grenze sich zu einem Feld erweitert, dessen verschiedene Bereiche sich erforschen lassen.

Meine Beobachtung ist, dass schon diese Herangehensweise allen Beteiligten eine enorme Behutsamkeit abverlangt. Dafür vermute ich mehrere Gründe:
Erstens ist es sehr leicht und schnell möglich, in einer Gruppenimprovisation mit wenigen Mitwirkenden, die sich nicht auf einen gemeinsamen Puls bezieht, Rhythmus einzuführen: wenn nur eine Person sich klar auf einen Puls bezieht, finden alle anderen Klänge im Kontext dieses Pulses statt, geraten in seinen Sog. Dieses “Aufzwingen” eines rhythmischen Rasters haben wir versucht zu vermeiden, aber gerade da es so einfach ist, braucht es die Bereitschaft zu Zurückhaltung und Geduld, nicht dementsprechend vorzupreschen.
Zweitens handelt es sich hier um einen Prozess, bei dem das kollektive Zusammenwirken sehr im Vordergrund steht, während der individuelle Ausdruck eine deutliche Einschränkung erfährt. Für viele Musikmachende, gerade auch für Improvisierende ist der persönliche Ausdruck aber ein wesentlicher Zugang. Erfordert der kollektive Fokus an dieser Stelle eine Reduktion, kann das als einschränkende Disziplinierung wahrgenommen werden, so mein Eindruck aus vielen Improvisationen. Hier brauchte es vor allem eine Sensibilisierung für die Delikatesse der Feinheiten der kollektiven Prozesse, eine Freude, die die Kosten der Zurückhaltung sehr großzügig aufwiegt.

Meine Beobachtungen aus einer ganzen Reihe von Improvisationen mit dem Fokus auf dem Übergang von “fließender” zu “gerasterter” Musik:

Dieser Übergang scheint eine paradoxe “Ausstrahlung” zu haben.
Zum einen hat das Rhythmische, dass jenseits des Überganges lockt, eine eindeutige Attraktivität, die es daraus zu beziehen scheint, dass es einen gemeinsamen Referenzpunkt darstellt. Ist dieser gemeinsame Referenzpunkt noch nicht da, kann dies als ein deutlicher Mangel im Raum stehen, Ungeduld aufkommen, Sinnlosigkeit empfunden werden angesichts des “aneinander vorbei” in der “fließenden” Zeit ohne ein gemeinsames Raster. Aus der Spannung dieses Mangels heraus entsteht ein Sog hin zum Rhythmus, er wird herbeigewünscht als verbindendes und damit sinnstiftendes, erlösendes Element.
Dieser offensichtlichen Anziehung, die vom rhythmischen Raster jenseits des Überganges ausgeht steht eine genau entgegengesetzte Kraft gegenüber und zwar die Ablehnung des Rasters als vereinheitlichendes Moment. Der im Rahmen der Minimal Improvisation durch die Konzentration auf Reduktion und Wiederholung ohnehin herausgeforderte individuelle Ausdruck scheint im Zuge der Einbettung in ein rhythmisches Raster bedroht, bedroht durch “Monotonie” und “Maschinenhaftigkeit”, so einige Äußerungen von Mitwirkenden. Widerstand dagegen äußerte sich in unseren Improvisationen durch Widerstand gegen den Sog hin zum Rhythmus. Bahnte er sich an, gab es immer wieder das Phänomen des willentlichen Ausscherens und damit Abwürgen der Entwicklung hin zum Rhythmus.

Mir ist im Rahmen dieser Erkundungen Folgendes deutlich geworden:
In der Konzeption der Minimal Improvisation haben wir den Übergang hin zum Rhythmus als ein rein strukturelles Phänomen benannt. In der Arbeit damit füllt sich diese Struktur – die musikalischen Phänomene sind verknüpft mit Assoziationen, Atmosphären, Bedeutungsräumen und Gefühlen. Durch die Fokusierung wird der Schrecken des Rhythmus als Gleichmacher, seine Attraktivität als Verbindendes Element sehr deutlich spürbar. Den Rand des Rhythmischen zu bearbeiten, bedeutet auch, mit diesen Assoziationen umzugehen, ja, ich verstehe es als ein sinnliches Philosophieren.

Vielen Dank an Yifat Cohen (Israel), Adrien Gaumé (Frankreich), Kristien Sonnevijlle (Niederlande), Max DiCarlo (Italien), Jojo Hammer (Berlin), Jo Bruhn (Berlin) und viele andere, die uns bei unseren Erkundungen begleiten.
Wir freuen uns auf weitere Proben, Aufnahmen für die Atemwerft und unsere kommende Workshopreihe!

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