von Gisbert Schürig

Im letzten Jahr habe ich mich in einer Reihe von Blogeinträgen mit dem Komponieren mit Patterns beschäftigt.

Komponieren mit Patterns 1 – Komplexität mit minimalen Mitteln

Komponieren mit Patterns 2 – Welche Mittel, welche Komplexität?

Komponieren mit Patterns 3 – Ungerade Takte

In der Zwischenzeit habe ich mit Jennie Zimmermann die Minimal Improvisation als einen Rahmen für kollektive Improvisationsprozesse formuliert. Hier möchte ich nun einen Bogen schlagen zwischen meinen kompositorischen Überlegungen und der Praxis der Minimal Improvisation.

Am Ende von “Komponieren mit Patterns 3” stand folgender Ausblick, welche Bereiche für eine ausführlichere Beschäftigung interessant sind:

(…)

4. Improvisation als Kombinatorik bestimmter Elemente innerhalb eines gemeinsamen rhythmisch-melodischen Rahmens

5. Rhythmus zwischen gerasterter und fließender Zeit

6. Computer-Generieren von Patterns und Patternkombinationen

“Improvisation als eine Kombinatorik bestimmter Elemente” ist ein zugrundeliegendes Prinzip der Minimal Improvisation geworden. An die Stelle eines im vorraus vereinbarten rhythmisch-melodischen Rahmens ist allerdings der kollektive Prozess getreten, in dessen Verlauf eine Gruppe einen solchen Rahmen gemeinsam schaffen kann.
Die Minimal Improvisation ist in diesem Sinne eine Meta-Komposition, sie gibt keine spezifische musikalische Gestalt vor, bietet vielmehr eine klar strukturierte Herangehensweise, um zu solchen Gestaltungen zu gelangen.
Das hatte ich ursprünglich nicht im Sinn und ist vor allem der gemeinsamen Entwicklung der Minimal Improvisation mit Jennie Zimmermann geschuldet, die immer wieder für Unbestimmtheit und Spontaneität eingetreten ist. Die offene Form betont die Zugewandtheit und Kooperation der Performenden, ja, diese Aspekte werden häufig geradezu zum Thema der Performance. Damit eignet sich Minimal Improvisation regelrecht zum Ritual einer Konsenskultur, als sinnlicher Ausdruck von Prozessen, denen in ihrer Komplexität häufig die Anschaulichkeit mangelt.

“Rhythmus zwischen gerasterter und fließender Zeit” bezeichnet nicht nur einen kurzen Übergang, sondern ein enorm weites Feld an Möglichkeiten. Im Sinne der eben beschriebenen offenen Form haben wir im Rahmen der Minimal Improvisation intensiv erkundet, wie sich eine Gruppe ganz allmählich zu einem gemeinsamen rhythmischen Puls hin bewegt, wie sich also aus dem Zusammenspiel zunächst unkoordinierter Ereignisse eine gemeinsame rhythmische Basis ergibt. Zwei Eigenschaften sind dabei besonders wichtig:
Behutsamkeit: es ist leicht für einen Einzelnen, einfach einen Rhythmus vorzugeben, und die Gruppe folgt dem; für die Minimal Improvisation braucht es Mitwirkende, die in der Lage sind, den Verzicht auf diese schnelle Möglichkeit nicht nur auszuhalten, sondern auch zu genießen, wie delikat der längere Prozess des gemeinsamen Findens einer rhythmischen Basis ist.
Sensitivität: um in einem kollektiven Improvisationsprozess zu interessanten musikalischen Ergebnissen zu kommen, ist es förderlich, wenn die Mitwirkenden eine reiche musikalische Phantasie haben; dann greifen sie nicht nur die schlichtesten Konstellationen auf, die Musik wird differenzierter und reicher.

Parallel zur Arbeit an der Minimal Improvisation in der Gruppe habe ich mit der Musiksoftware Ableton Live/Max for Live am allmählichen “Computer-Generieren von Patterns und Patternkombinationen” gearbeitet. Ich habe verschiedene Module innerhalb der Software so kombiniert, dass es möglich wurde, von einer Anzahl zunächst rhythmisch unkoordinierten Impulse ganz allmählich zu einem rhythmischen Pattern fortzuschreiten.

Hier ein paar Beispiele, die diesen allmählichen Prozess nachvollziehbar machen.

Drei Pulse: 880ms, 742ms, 1.63s

Hier hört man zunächst einen Puls, der sich alle 880ms wiederholt, dann kommt ein zweiter mit einer Wiederholungsrate von 742ms, schließlich ein dritter Puls, der sich alle 1,63 Sekunden wiederholt. Die Pulse stehen in einem komplexen Verhältnis zueinander, es ergeben sich immer wieder neue Konstellationen. Erzeugt werden diese Impulse von Max for Live-Modulen, die ich so modifiziert habe, dass ich sehr feine Einstellungsmöglichkeiten im Millisekundenbereich habe.

Drei Pulse, in ein Sechzehntelnotenraster quantisiert.

Die drei Pulse sind nun ein ein rhythmisches Raster von Sechzehntelnoten hineingezwungen, der Zusammenklang macht nun eher den Eindruck musikalischer Absicht.

Dies wird besonders deutlich, wenn man die quantisierten Pulse zu einem Beat (120bpm) hört:

Die Quantisierung stellt einen übergeordneten Bezug zwischen den Pulsen und dem Beat her. Die Wirkung ist vergleichbar mit einer Improvisation mit wenigen Tönen zu einem Rhythmus, auch wenn hier ja niemand improvisiert, sondern nur die Mechanismen der verschiedenen Pulse und der Quantisierung zusammen kommen. Durch die starr in ihrer eigenen Rate laufenden Pulse ergeben sich stets neue Konstellationen, durch die Quantisierung wird ein gemeinsamer Nenner von Sechzehntelnoten hergestellt und der Eindruck des Aneinander-vorbei-Ratterns vermieden.

Ich nutze verschiedene Max for live-Module für die Quantisierung, Live Quantizer von Midular, Live Quantize von Artur Mihel, für die vorliegenden Aufnahmen Nonagon´s Midi Quantize 2.0.

Zum Vergleich die unquantisierten Pulse mit dem Beat:

Hier machen die Pulse entweder den Eindruck, ein vom Beat völlig unabhängiges Phänomen zu sein, wie ein zufälliges Muster von Regentropfen zum Beispiel, oder aber sehr schlecht gespielt zu sein.

Abschließend habe ich eine Passage der quantisierten Pulse zum Beat aufgenommen und als Phrasen von verschiedener Länge wiederholt: 2 Takte, 1 Takt, 4 Takte, 3 Takte. Durch die Wiederholung ergibt sich nun vollends der Eindruck, es hier mit Musik im engeren Sinne zu tun zu haben; groovige Patterns, wie ich sie auch auf klassischem Wege komponieren würde, die ich aber hier nun aus dem Arrangement verschiedener Module in Ableton Live erzeugt habe.

Das Setup in Ableton live entspricht der Minimal Improvisation; es ist eine Meta-Komposition, die verschiedenste Patterns ermöglicht, keine konkrete Ausformulierung einer und nur dieser einen musikalischen Gestalt. Wie mit einer Gruppe improvisierender Performer lässt sich auch mit diesem Setup ein allmählicher Prozess von unabhängigen Pulsen hin zu rhythmischen Patterns improvisierend gestalten.

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